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Samstagabend mit der Londoner U-Bahn

Samstagabend mit der Londoner U-Bahn


Notizen aus der Londoner U-Bahn.

"FICK DIE LÜCKE!" brüllt eine verschwommene, heisere Stimme als Antwort auf die Sicherheitsanweisung. Das folgende Lachen ist das, was ein nüchterner Mensch vielleicht für das lustigste reserviert, was er jemals in seinem Leben gehört hat. Aber für die letzte U-Bahn an einem Samstagabend ist es kaum mehr als eine Bestätigung, dass Worte gesprochen wurden, ein letztes Hurra, bevor der Körper seine Rache am Morgen danach nimmt.

* * *

Es gibt Sitzplätze, aber ein Junge und ein Mädchen stehen von Angesicht zu Angesicht vor den Türen und lassen sich durch das Schaukeln des Zuges herumwerfen. Sie plaudert über den bevorstehenden Schneesturm. Der Zug hält an und seine Augen schließen sich, als er sie zum Abschied umarmt. Nach kurzem Zögern steigt er aus dem Zug.

Die Türen bleiben offen. Das Auge des Mädchens wandert zu einem Poster mit Gedichten im Untergrund. Ihre Pupillen zucken beim Lesen nach links und rechts. Als die Türen piepen, um zu signalisieren, dass sie sich schließen werden, erscheint der Junge wieder. Wie Indiana Jones, der sein Leben für einen Hut riskiert, eilt er zur Tür, beugt sich vor, küsst sie und ist weg. Er lässt sie fassungslos hinter den sich schließenden Türen zurück. Ein paar Leute schnappen nach Luft. Der Zug fährt weiter und sie geben vor, nicht auf das Urteil zu achten. Sie sind zu voll mit englischen Reserven, um ihre Aufregung im Tube Theatre zuzugeben.

Bei der nächsten Haltestelle lächelt sie.

Am anderen Ende der Kutsche sitzen zwei junge Touristen. Sie sprechen schnell Spanisch. Sie haben dunkle Augen, sind dunkelhäutig und teilen einen Lonely Planet-Leitfaden zu „Londres“.

Ein Junge Ende zwanzig in Kentish Town. Seine Hosen sind so weite, dass er jedem Bein einen Zwerg stopfen könnte. Weiße Socken greifen an seinen Knöcheln über müde Adidas-Turnschuhe. Seine übergroße Baseballkappe berührt kaum seinen Kopf und ruht in einem lustigen Winkel.

Er beschließt, keinen der freien Plätze und Türme über den sitzenden Leuten einzunehmen und näher zu stehen, als es gute Manieren erlauben. Ohne klaren Grund verdunkelt sich sein Gesichtsausdruck; er beißt die Zähne zusammen und fängt an zu schnauben. In einem plötzlichen Ausbruch unartikulierter Wut wendet er sich an die Touristen und hustet fremdenfeindliche Galle aus. "Was zum Teufel machst du hier? Du sprichst nicht meine Sprache, also ge'ah mein Cun-Baum! "

Der Wagen ist stummgeschaltet. Die Kiefer fallen. Augen werden abgewendet. Einer der Touristen verdreht die Augen. Der andere runzelt verwirrt die Stirn.

    "Que pedo con él?" (Was ist mit ihm los?)
    "Es que no tiene cabeza." (Er hat kein Gehirn.)

Der junge Mann stampft zur Tür. Er feilscht und spuckt Sprengsätze aus. Die Passagiere erröten, tuten, schütteln den Kopf und werfen den Touristen entschuldigende Blicke zu. Die Männer schütteln den Vorfall ab und besprechen, was der Unterschied zwischen Camden Town und Camden Road sein muss.

* * *

"Du lügst", zischt ein Goth-Mädchen, als sie an Bord geht. Mit ihrem Haufen Dreadlocks, dem dünnen Rahmen und den riesigen Plateauschuhen ähnelt sie einem japanischen Cartoon.

"Ich bin nicht. Das bin ich nicht “, antwortet der Mann verständnislos und legt eine Dose Lager auf schmutzige Jeans und einen alten, schäbigen Trenchcoat. Er ist älter als sie, scheint sich aber emotional durch die Pubertät zu arbeiten.

"Hör auf zu lügen", wiederholt sie. Sie rollt sich auf den nächsten Sitz, kreuzt die Beine und fixiert den Blick auf dem Boden. Er seufzt und sinkt auf den Sitz neben ihr und starrt verständnislos vor sich hin. Sie wiegt ihren Kopf und schaut so weit weg von ihm, wie sie sich drehen kann. Eine Stille vergeht. Stopps kommen und gehen. Die Pause ist so lang, dass viele Passagiere aufhören zu lauschen.

Schließlich spricht er: "Ich habe eine Freundin." Sie steigt ohne Wort oder Blick aus dem Zug.

* * *

Die Londoner U-Bahn schließt um 12:30 Uhr. Vorsichtige Last-Tubers rollen kurz nach Mitternacht weiter. Sie sind diejenigen, die trendy genug sind, um im Zentrum von London etwas zu trinken, riskieren aber nicht den Horror des Nachtbusses.

Ein junges Paar sitzt und funkelt vor schmelzendem Schnee. Die Hugh Grant-artigen Akzentgläser des Freundes mit seinem Gluckern aus einer Flasche billigen Rotweins. Seine Zähne und Zunge sind fleckig. Seine Augenlider sind betrunken.

    "Du solltest nicht auf der Tube trinken. Es ist nicht mehr erlaubt. "
    "Fick den Bürgermeister!"
    "Du bist so ein Chav. Und du bist schick. Das ist schlimmer."

Sie lässt das marinieren und meldet sich dann: „Er steigt manchmal in die U-Bahn, weißt du! Der Bürgermeister. Auf seinen "Ich bin einer von euch" -Fahrten. Ich hoffe, er steigt ein und nennt dich ein Oik. “

Während sie sich an der London Bridge streiten, steigt eine dicke Alkoholwolke auf, irgendwo drin eine Gruppe von Männern Anfang 30. Sie fragen sich gegenseitig: "Wazzuuuuuup?" Niemand antwortet sehr nachdenklich.

Die U-Bahn-Mitarbeiter haben die Lautstärke der zuvor aufgezeichneten Ankündigungen erhöht. Gesundheits- und Sicherheitsvorkehrungen rasseln die veralteten Lautsprecher.

"Pass auf die Lücke auf."


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